Ein guter und etwas nachdenklicher Bericht von unserem 800 m Läufer Tobias Ferreira über die portugiesischen Meisterschaften.

Da meine Großeltern beide aus Portugal kommen, bin ich fest in Portugal verwurzelt und habe mich deshalb 2017 dazu entschlossen meine doppelte Staatsbürgerschaft beurkunden zu lassen. Dabei im Hintergedanke: Ein Start bei den portugiesischen Meisterschaften der Aktiven am Sonntag den 09.07.18 in Leiria (Mitte Portugal in Küstennähe). Damit würde ich erstmals auf nationaler Ebene Meisterschaftserfahrung bei Aktiven sammeln können und außerdem die Möglichkeit haben im Jahr 2018 den größeren Teil meiner Familie, der in unmittelbarer Umgebung wohnt, zu besuchen. Da in diesem Jahr die Leichtathletik EM in Berlin stattfindet und ich dort als Zuschauer anwesend sein werde, wird nämlich der jährliche, 4-wöchige Familienbesuch für mich ausfallen.

Als Ausrichterland der Fußball EM 2004 hat Portugal einige größere Fußballstadien erbauen lassen. So wurde das "Estádio Dr. Magalhães Pessoa" in 2003 in Leiria mit einer Mondo-Leichtathletikbahn gebaut, um so, über das Großsportereignis hinaus, relevant zu bleiben. Im Jahre 2009 wurde im Stadion, welches direkt unter der Burg von Leiria liegt (siehe Bild), die Team-EM ausgetragen. Mit 30.000 Sitzplätzen allemal genug für Events dieser Größe.

Nun, im Juli 2018 muss eingestanden werden, dass die Stadt und der ortsansässige Verein nicht mehr in der Lage sind das Stadion zu pflegen, da der dortige Fußballverein in die zweite Liga abgestiegen ist und es demnach nicht mehr regelmäßig Benutzung findet. Dementsprechend renovierungsbedürftig ist es auch. Der Verfall von Sportstätten, die extra für Großereignisse errichtet werden, ist mir nicht zuletzt 2016 bei den U18 Europameisterschaften in Tiflis/Georgien aufgefallen. 

Da die Qualinormen für die portugiesischen Meisterschaften in etwa der, der U23DM Norm entsprechen, konnte ich, mit einer 800m Bestleistung von 1:51,1, teilnehmen. Mit einer Zielzeit von 1:55,6 konnte ich, trotz eines taktischen Laufes, nicht zufrieden sein. Von 21 Teilnehmern belegte ich den 11ten Platz.

Anders als in Deutschland gab es keinen Stellplatz, sondern lediglich eine Liste die zum Abhaken der anwesenden Athleten diente. Diese wurde erst 30 Min. vor Wettkampfbeginn an den Callroom weitergeleitet, sodass die Laufeinteilung & Laufanzahl erst sehr kurzzeitig vor Wettkampfbeginn bekannt gegeben wurde. Auch die Kommunikation zwischen Wettkampfbüro und Callroom ließ zu wünschen übrig, denn die 800m Läufer mussten 10 Min. vor Wettkampfbeginn ihre Startnummer tauschen.

5 Min. vor dem Start wurde man erst im Callroom aufgerufen. Dementsprechend hektisch und schlecht durchgeplant kam es mir, als offiziellen deutschen Kampfrichter, vor.

Darüber hinaus gab es einige Dinge die mir bei meiner Teilnahme klar geworden sind.

Die deutsche Leichtathletik ist sehr gut geplant und die Routine einzelner, in der Mitgestaltung mehrerer sportlichen Events im Jahr, ist den Veranstaltungsverläufen anzumerken. Auch sind unsere Kampfrichter deutlich geschulter und zahlreicher bei Meisterschaften vorzufinden.

Das, was mir jedoch am meisten vor Augen geführt wurde, war das öffentliche Interesse an der Leichtathletik, welches in Portugal schlichtweg nicht da war. Vorzufinden waren fast ausschließlich Athleten und Trainer von denen die Mehrheit aus den zwei größten Leichtathletik-Clubs „Sporting Lissabon“ und „Benfica Lissabon“ kamen.

Von schätzungweise nur 200 Besuchern haben meine Verwandten einen beträchtlichen Prozentsatz der Zuschauer dort ausgemacht. Eintritt wurde keiner verlangt.

In Folge war die Stimmung im Stadion für mich eine Enttäuschung, denn sie entsprach der einer süddeutschen Meisterschaft und ging damit im übergroßen Stadion völlig unter.

In Deutschland höre ich immer wieder, dass die Leichtathletik attraktiver gestaltet werden muss. Das Streben nach mehr Aufmerksamkeit für die eigene Sportart (sei es denn nicht Fußball), halte ich auch für absolut notwendig. Meiner Meinung nach sollten wir uns aber, auch durch den Blick ins Ausland, darauf besinnen, dass unsere Leichtathletik in Deutschland vieles richtig macht. So freue ich mich nun immens, bei toller Stimmung, mit der 3 x 1000m Jugendstaffel bei der DM der Aktiven am  21./22.07. in Nürnberg laufen zu dürfen. Die deutsche Leichtathletik schafft es nämlich jedes Jahr ein großes Fußballstadion, durch deutsche Meisterschaften, beinahe komplett zu füllen.

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